Der CCR5, ein Weg zu einer AIDS-Therapie ?
Wenn der AIDS-Virus (Erworbene Immunschwäche oder HIV) eine Zielzelle
angreift, setzt er sich in dieser fest und schreitet fort in Richtung ihrer
Oberflächenglycoproteine, dem Molekül gp 120, am Zelleingang, der aus den
Molekülen CD4 und den der Familie der Chimokin-Rezeptoren
angehörenden Ko-Rezeptoren zusammengesetzt ist. Deren Hauptrezeptoren heissen
CCR5 und CXCR4. Danach fusionniert die Virushülle mit der Zellmembrane,
und die Gene des Viruses werden in der Zielzelle abgeladen.
Neuere Studien des Professors Jacques REYNES (Abteilung für Infektions-
und Tropenkrankheiten, Hôpital Gui de Chauliac, Montpellier),
Dr. Pierre CORBEAU (Immunologie-Labor und Institut für menschliche Genetik,
Montpellier) und ihres Teams haben gezeigt, dass ein
Zusammenhang zwischen der HIV-Konzentration im Blutplasma und der Dichte der
Korezeptoren CCR5 bei infizierten Personen existiert. Je höher die Anzahl
der Viren, umso höher ist das Risiko, dass die Infektion in Richtung
AIDS geht. "Der CCR5 scheint also einer der ausschlaggebenden Faktoren
der Virenverbreitung zu sein. Je weniger CCR5 vorkommen, umso langsamer ist
die Evolution in Richtung AIDS. Diese Ergebnisse führen zu einem neuen
therapeutischen Weg : die Funktions-Hemmmittel der CCR5 die den Virus daran
hindern in die Zielzelle einzudringen", erklärt Professor Reynes. Wir stellten ihm dazu noch einige Fragen :
La Citoyenneté : Wie weit sind wir gerade mit der AIDS-Forschung ?
Prof. REYNES : Die AIDS-Forschung kommt sehr schnell voran. Es gibt zwei
grosse Achsen : erstens die neuen Ziele (das Eingreifen gegen das Eindringen
des Virus) und zweitens die Immunotherapie, die darin besteht, Interleukin
2 oder Impfungen einzusetzen. Die ausschliessliche antiretrovirale Behandlung
kann den Virus nicht entfernen. ; ausserdem hat sie mittel- oder langfristig
unerwünschte Folgen. Aus dieser Konsequenz heraus, muss die spezifische
Immunität gegen HIV-Viren verbessert werden, also eine effizientere Behandlung
erfolgen ; dann sollte ein Abbrechen der antiretroviralen Behandlung in Anbetracht
gezogen werden. Denken wir daran, das die Behandlungen nach dem Kontakt mit
AIDS keine "Pille danach" sind. Ausserdem ist die Impfung für nicht
infizierte Menschen sicherlich nicht scon morgen auf dem Markt.
La Citoyenneté : Warum ist es so schwierig, einen Impfstoff gegen AIDS
zu entwickeln ?
Prof. REYNES : Es gibt dort mehrere Schwierigkeiten. Einerseits muss man
eine Humoral- und Zellimmunität erreichen ; Andererseits gibt es
eine sehr grosse Veränderlichkeit des Virus. Es fehlt auch an Tiermodellen.
La Citoyenneté : Wieviel verschiedene AIDS-Viren gibt es ?
Prof. REYNES : HIV 1 und HIV 2 mit zahlreichen Varianten.
La Citoyenneté : Manche Menschen stecken sich nicht mit HIV an, obwohl
sie wiederholt in Kontakt damit kommen. Warum ?
Prof. REYNES : Dieses Gebiet ist noch nicht gut erschlossen. Es gibt mehrere
Faktoren, darunter die geringe Dichte der CCR5 und eine ausreichende Immunität
die eine Infektion verhindern können.
La Citoyenneté : Ist die Tritherapie wirklich wirksam ?
Prof. REYNES : Seit 1996, war es mit den Tritherapien möglich, eine bessere
Kontrolle über die Virenausbreitung zu bekommen, d.h. das Immunsystem zu
verbessern. Aber sie haben auch unerwünschte Nebenwirkungen, vor allem auf
den Fettstoffwechsel.
La Citoyenneté : Warum arbeiten Sie auf diesem Gebiet ?
Prof. REYNES : Ich bin an erster Stelle Spezialist für Infektionskrankheiten,
an zweiter Stelle erst AIDS-Spezialist. AIDS ist ein menschliches und
wissenschaftliches, einzigartiges Abenteuer. Die Idée dabei ist, originell
zu sein und neue Forschungswege herauszufinden. Unsere Teams in Montpellier
sind für diese Pionnierrolle bekannt.
Das Interview führte Diana BOUAYAD-AMINE
Übersetzung ins Deutsche : Effi Ottmüller
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